new-circus

Heidi Wiley
Formen des freien Theaters: Neuer Zirkus
Eine Bestandsaufnahme zur Situation der heutigen circesanischen Künste

Auszug aus der Magisterarbeit von Heidi Wiley.

6.2 Fliegende Bauten: Tiger Lillies Circus
Fliegende Bauten ist ein exemplarisches Beispiel dafür, dass die
Entwicklung des Neuen Zirkus in engem Zusammenhang mit der Freien
Theaterentwicklung steht. Fliegende Bauten ist ein privater
Theaterzeltstandort in Hamburg, in dem circensische
Musiktheaterproduktionen einen Schwerpunkt bilden. Fliegende Bauten
wurde 1982 als Freie Theatergruppe von Matthias Kraemer und
Sebastiano Toma gegründet. Zusammen wandelten sie die Freie Gruppe
nach ihrer Auflösung 1991 in das heutige Theaterunternehmen um. In
Kooperation mit dem Schweizer Produzenten Ueli Hirzel produzierten die
Fliegenden Bauten Anfang der 90er Jahre die französische Gruppe
„Cirque O“ und deren Nachfolgeformation „Que-Cir-Que“.124
Der Standort der Fliegenden Bauten ist ein 500 Plätze Viermast
Chapiteau, indem in Verbindung mit einem Gastronomieangebot, das
Ambiente eines Varietétheaters hergestellt wird. 1998 haben die
Fliegenden Bauten mit Tiger Lillies Circus ihre erste Eigenproduktion
hergestellt. Eine Zirkusproduktion, bei der sich Zirkus und Varietékünstler
mit den viktorianischen Tiger Lillies zu einer visuellen Show vereinen, die
weder Zirkus noch Varieté noch Konzert ist.
6.2.1 Die Tiger Lilles – eine viktorianische Erscheinung
Als visuelles tägliches Kunstwerk kann man die viktorianische
Erscheinung der Tiger Lillies bezeichnen, eine provozierende dreiköpfige
Avantgarde Musikband, die so verschiedene Stile wie das Berliner
Kabarett der 30er Jahre, Vaudeville, Music-Hall, Straßentheater,
Chansons oder Klezmer Musik vereint, unterlegt mit Jazz und Blues
Komponenten. Eine viktorianische Erscheinung deshalb, weil die Tiger
Lillies äußerlich dem Bild des Englischen Gentlemen gleichen,
formvollendet mit Anzug, Hemd, Manschettenknöpfen und Hut aber dabei
zugleich „Queen Victorias worst nightmare“125 sein könnten.
Die Tiger Lillies, 1989 von Martyn Jacques (Akkordeon und Piano)
gegründet, bilden mit Adrian Stout (Kontrabass) und Adrian Hughes
(Schlagzeug) ein Trio, das sich nur schwer kategorisieren lässt.
Komponist und Texter Jacques hat kein Interesse an zeitgenössischer
Musik. Mainstream und Modernität zu verkörpern ist entgegen seiner
Interessen. Er teilt mit seiner Meinung die Einstellung Baudelaires,
wonach Modernität „das Vergängliche, das Flüchtige, das Zufällige, die

eine Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unwandelbare
ist.“126 Dennoch thematisieren die Texte von Jacques so kontroverse
Sujets wie Tod, Prostitution, Drogenabhängigkeit oder Alkoholismus.
„I hate showbusiness. But what I do is take people into strange
places and uncomfortable subject matter. I try to disorientate my
audience, but it’s not meant to be a torture. I still want to entertain
and for my audience to leave happy.”127
1997 entwickelten die Tiger Lillies zusammen mit Cultural Industry128,
einer unabhängigen britischen Theaterproduktionsfirma, die Vertonung
und Inszenierung der Geschichten des Struwwelpeter, nach Heinrich
Hoffmann. Die mit dem Olivier Award ausgezeichnete Produktion, als
„junk opera“ betitelt, ist eine Theaterproduktion in der mit Marionetten,
Schauspielern und Musikern eine Komposition kreiert wurde, die zwischen
herkömmlichen Genres einzugliedern ist. Die Tiger Lillies haben in dieser
neuen Theaterform ihr Debüt auf der Theaterbühne gegeben und sind mit
ihrem inszenierten Stil, eingekleidet in die Welt des 19. Jahrhunderts, der
personifizierte Ausdruck für ein Musiktheater, was sich durch eine
Hybridisation neuer und alter Darstellungsformen kennzeichnet.129
6.2.2 Ausführungen zum Stück
„For the Tiger Lillies Circus, life’s a funny and twisted cabaret. The
show’s increasing popularity demonstrates that circus performance
is becoming a trend of its own.”130
Die Tiger Lillies setzen sich thematisch mit dem Zirkusmetier auseinander.
Um die britische Band haben sich Zirkus- und Varietékünstler versammelt,
die die Texte des Sängers visuell untermalen. Dabei wird die Welt des
Kabaretts und Varietés der 20er und 30er Jahre wiederbelebt. Dargestellt
wird das Leben all jener, die sich am Rande der Gesellschaft befinden,

deren Leben einerseits von Glitzer und Glamour bestimmt ist, andererseits
aber auch dem sofortigen Verfall und einer Kurzlebigkeit ausgesetzt ist.131
Die Tiger Lillies, weißgeschminkte Clownsgesichter eingekleidet in
Gehrock und Melone, führen durch ein Programm, das das Leben von
Zirkuskünstlern illustriert.
Das Bühnendesign besteht aus Projektionen, die als
Hintergrunduntermalung einen romantisch kitschigen Kontrast zu den
Absurditäten darstellen, die von den Tiger Lillies besungen werden. Im
Vordergrund steht abwechselnd der clownsmaskige Sänger Martyn
Jacques mit den Zirkuskünstlern. Der Regisseur Sebastiano Toma hat
bewusst eine Drehbühne in das Bühnenbild integriert, um somit das
typisch traditionelle Zirkuselement des Kreises mit aufzunehmen. Die
Drehbühne wird aber so eingesetzt, dass sie ästhetisch komplett dem
Bühnengeschehen untergeordnet ist, jedoch gleichzeitig technisch das
Bühnengeschehen, die Nummernabfolge der Darbietungen lenkt.
Das ungewohnte Zusammenspiel von Zirkuskünstlern mit den Tiger Lillies,
einer Musikband, die durch ihren unnachahmbaren Stil eine Mischung aus
Viktorianismus, Vaudeville und Kabarett der Berliner 30er Jahre bietet,
aber auch an verstörerischen Dadaismus erinnert, lässt diese Produktion
zu einer Zirkusveranstaltung werden, die auf Elementen des Neuen Zirkus
basiert.
6.2.3 Einordnung in den Neuen Zirkus
Die Darbietung der klassischen Zirkusnummern wie Kontorsion, Akrobatik,
Hoola Hup oder am Vertikaltuch gemischt mit einer erotischen
Tanzvarieté- und Tanzschattennummer bietet eigentlich einen Bezug zu
einer traditionellen Zirkusvorstellung und klassischen Varietévorführung.
Aber die gewandelte Form der Darbietung auf einer Bühne, in
Kombination mit den Musikern lässt dieses Spektakel zu einer
Zirkusvorführung werden, die mit Nostalgie an vergangene Zeiten erinnert
und sich dabei traditioneller Elemente bedient. In ihrem Gesamtkonzept
wird die Vorstellung jedoch von den Tiger Lillies getragen,
die metapherhaft für eine Symbiose von Genres stehen. Mit ihrer Präsenz
wird eine Form von Zirkus geschaffen, die nicht an das herkömmliche
Zirkuskonzept erinnert. Aber allein die Tatsache, dass traditionelle
Zirkuselemente Bestandteil und Grundlage der Kreation eines
Musiktheaters werden, verdeutlicht, dass sich Zirkuselemente legitimiert
haben, in gänzlich andere Genres Zugang zu finden und somit etwas
Neues zu schaffen. Dies ist als Entwicklung und Evolution des Zirkus zu
werten und belegt den Fakt, dass der Neue Zirkus als Ausdrucksform
definiert werden kann, die in der Lage ist circensische Mittel in neue
Kontexte einzugliedern.
Im Tiger Lillies Circus entstammen die Artisten und ihre Nummern ganz
unterschiedlichen Metiers, wie auch ihr Zugang zum Zirkus und Varieté.
Einige haben an Zirkusschulen studiert, andere sind über Gymnastik und
Ballett zur Akrobatik gekommen, oder sie haben das Handwerk von ihren
Eltern erlernt oder sich selbst beigebracht. Dies macht deutlich, dass in
dieser Produktion nicht stringent darauf geachtet wurde, lediglich
Absolventen von Zirkusschulen zu beschäftigen, die man symbolisch mit
der Neuen Zirkusgeneration und dem neuen Verständnis von
Zirkusdarbietungen in Verbindung bringen würde, sondern eher die weite
Palette derjenigen darzustellen, die ihr Leben in und um den Zirkus
verbringen und somit ebenso Teil der Gesamtbewegung des Neuen Zirkus
sind.
Oftmals wurde der Sänger Martyn Jaques sarkastisch als Zirkusdirektor
beschrieben, der durch das Nummernprogramm führt.132 Ihm selbst ist
dies egal, solange er mit seinen Texten und seiner teilweise
exzentrischen, expressionistischen und verstörerischen Bühnendarbietung
das Publikum aufrüttelt, es zum Nachdenken anregt.133 Ihm ist wichtig,
dass er eine Nonkonformität in seinem Handeln und Denken zum
Ausdruck bringen kann, die in seinem künstlerischen Werk transportiert
wird und somit anregen soll, scheinbar festgefahrene Regeln und
Bedingungen immer wieder erneut zu hinterfragen. Die Präsentation der
Tiger Lillies im Kontext des Neuen Zirkus ist nicht zufällig. Ähnlich wie die
Grundsätze des Neuen Zirkus geht es ihnen um die Brechung von
althergebrachten Codes, um eine Herstellung von Nonkonformität. Die
Nutzung theatralischer Elemente ist Bestandteil der Präsentation der
Musikband. Die Erscheinung des Sängers auf der Bühne in weißer
Clownsmaske, erinnert an die Rolle des Clowns, der sich in der Position
des Vogelfreien befindet. Die Verwendung der Maske, ein Symbol der
Verkleidung deutet auf seine eingenommene, gespielte Rolle hin. In
Anlehnung an griechische Schauspiele oder die Commedia dell’arte
verbirgt sich der Schauspieler, in diesem Fall der erzählende Sänger
hinter einer Gesichtshülle134, nutzt Jacques die weiße Clownsmaske.
Gleichzeitig nimmt er so Bezug auf dadaistische Merkmale, „konterkariert
Zuckersüße mit Ausbrüchen, die an den mordenden Irren in der „Kafka“-
Verfilmung mit Jeremy Irons erinnern.“135
Der Schein zwischen Spiel und Ernst verwischt bis zur Unkenntlichkeit.
Sprache ist in dieser Produktion durch die Liedtexte substantiell, die
Überzeugung der Artisten geschieht mit deren physischer Leistung und
die Inszenierung der Tiger Lillies ist ein visuelles Meisterwerk. Die
Komposition des Spektakels basiert demzufolge auf verschiedenen
Faktoren, die in erster Linie eine performativen Wirkung haben. Dies ist
die Besonderheit an dieser Vorführung, die sie als eine Neue Zirkus
Produktion kennzeichnet.




126 Baudelaire, Charles. Zit. nach: Süddeutsche Zeitung, Nr. 107, S.16, 10.05.2004
127 Jacques, Martyn. Zit. nach: The Independent, 11.11.2003

124 Beide Gruppen formierten sich aus Absolventen der Zirkusschule, Chalon sur Marne.
Hyazinthe Reisch, Jean Paul Lefeuvre und Emanuelle Jacqueline vom Que-Cir-Que sind
das Synoym für die Zerlegung und Neuerfindung des Kreises. „Das theatrale Spiel im
Kreis unter dem in Silben zerlegten französischen Wort Cirque, unendlich
aneinandergereiht ohne Anfang und Ziel wieder aufnehmend. Drei Körper im Kreis, sich
begegnend, verlassend, bekämpfend und liebend. Que-Cir-Que ist ein Flirt mit dem
Rhönrad, Pas de deux mit dem Besen, die Verzauberung eines Fahrrads, feengleiches
Schweben im Raum, im Kreis der Unendlichkeit.“ In:
www.karlsruhe.de/Kultur/KiK/Archiv/juni985.htm
125 Cripps, Charlotte

128 Michael Morris, Direktor von Cultural Industry: “What I am interested in is this: artists
who, perhaps trained in danse, theatre, or visual arts, have made it their purpose to move
away and redefine and celebrate the kind of blurring of the boundaries what they trained
in and other disciplines.” Zit. nach: The New York Times, 17.10.1999
129 Morris, Michael: “Labels such as avant-garde or alternative seem to be historical
rather than something that is usefull now. What is happening today is the crossover into
other forms. Dance has appropriated the language of theatre; theatre now regularly avails
itself of multimedia technology; in fact, theater itself is no longer necessarily the place
where the most interesting theatrical events take place.” Zit. nach:. ebd
130 Hytönen, Johanna (2003): S. 43


131 Jaques, Martyn: “I like to write songs about sailors drowning, mermaids, gypsies,
prostitutes and that kind of stuff. I am interested in people that live potentially short and
violent lives or rather transient and hard lives, who have to move around a lot and never
stay in one place. And I am interested in people who live and die on the street.” zit nach:
ebd: S. 44

132 Hytönen, Johanna (2003): S. 43
133 Interview mit Martyn Jaques

Mit freundlicher Genemigung von Heidi Wiley.
Impressum:
Copyright © 2004 GRIN Verlag, Open Publishing GmbH
ISBN: 978-3-638-60723-0
Heidi Giebel, Sebastiano Toma, Formen des freien Theaters - Neuer Zirkus, Tiger Lillies Circus, Fliegende Bauten,
Share by: